Wenn aus Freude Furcht wird

Die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik (PND) sind Fluch und Segen zugleich. Viele Frauen und ihre Partner fühlen sich nach einem schwierigen Befund alleine gelassen. Im Evangelischen Beratungszentrum München e. V.  finden sie Hilfe und Unterstützung.

Spielecke im Wartezimmer der Schwangerschaftsberatung

Spielecke im Wartezimmer der Schwangerschaftsberatung
(Foto: Alexandra Hauser)

Der Warteraum mit den Holzstühlen ist klein und gemütlich. Trotzdem hat Anna ein flaues Gefühl im Magen. Auf dem Boden spielt das Kind einer anderen wartenden Klientin mit einem großen Plüschkrokodil. Gelegentlich kommt ein fröhlicher Jauchzer aus der Kehle des blonden Jungen, was Anna jedes Mal einen schmerzhaften Stich versetzt. Ihr kleiner Junge wird nie so unbeschwert sein. Er wird wahrscheinlich nicht einmal einen Blick auf diese Welt werfen dürfen. Vor zwei Wochen hat sie die Diagnose erfahren: Ihr ungeborenes Kind hat eine Fehlbildung im Gehirn. Wenn es nicht schon während der Schwangerschaft stirbt, dann spätestens bei der Geburt. Sie hat die Worte des Arztes gehört, aber ihr Verstand weigert sich zu begreifen. Wie soll es jetzt weitergehen?

Ein Ort, um sich über sensible Themen zu informieren

Reinhild Zenker arbeitet in der Schwangerschaftsberatung des Evangelischen Beratungszentrums und ist dort unter anderem auf die Beratung im Bereich Pränatale Diagnostik(PND) spezialisiert. Die Frauen und Männer, die zu ihr kommen, stammen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen. Sie hat ein sehr feines Gespür für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Ratsuchenden. „Viele stehen unter Schock und sind zum Teil richtig erstarrt“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Über die medizinischen Tatsachen informieren sich die meisten bereits, bevor sie zu ihr kommen. Vor allem die Männer wissen oft sehr gut Bescheid, wenn sie ihre Partnerin begleiten. Natürlich werfen die Diagnosen trotzdem viele Fragen auf. „Manche Frauen sagen: Ich will nicht so lange ein dem Tod geweihtes Kind in mir tragen. Ich möchte doch lieber eine eingeleitete Geburt“, verrät Reinhild Zenker. Dann klärt sie über mögliche Konsequenzen auf und scheut sich auch nicht davor, schwierige Themen anzusprechen, wie zum Beispiel den mehrstündigen Ablauf eines Spätabbruchs. Mit ihr können die betroffenen Eltern dann auch über die Verabschiedung vom Kind sprechen und seine Bestattung planen.

Schockdiagnose Behinderung

Geht es um behinderte Kinder, etwa mit Down-Syndrom, begegnet Reinhild Zenker immer wieder Vorurteilen. Gerade dann ist es wichtig, zu erklären, dass es verschiedene Formen und Schweregrade bei Behinderungen gibt. Außerdem weist sie auf Institutionen hin, die betroffene Familien unterstützen und hilft beim Ausfüllen von Anträgen. Manchmal geht es auch nur darum, einen ärztlichen Befund besser zu verstehen. In solchen Fällen ziehen die Beraterinnen und Berater oft Experten hinzu, die noch einmal genau auf einzelne Fragen zu den Diagnosen eingehen.

Auch die emotionale Belastung ist groß. Bei vielen werdenden Eltern haben sich die unterschiedlichsten Gefühle aufgestaut. „Kein Arzt kann genau sagen, wie die Behinderung aussieht, wenn das Kind einmal geboren ist“, erklärt Reinhild Zenker. „Man lässt sich auf etwas Unbekanntes ein. Das macht den meisten Frauen und Männern Angst. Dass sie keinen klaren Befund bekommen, macht viele sogar richtig wütend.“ Aber auch dafür ist die Beratungsstelle da. Reinhild Zenker und das Team der Schwangerschaftsberatung helfen den Frauen und Paaren, aus ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit herauszufinden. Wut und Zorn sind zwei wichtige Ventile und dafür bekommen sie hier den emotionalen Raum. Wenn sich ein Prozess in Gang setzt, bei dem sich die Frauen und ihre Partner aus ihrer Starre lösen, anfangen, Fragen zu stellen, Gefühle zuzulassen und damit wieder entscheidungs- und handlungsfähig werden, dann ist es für Reinhild Zenker eine gelungene Beratung.

Vielschichtige Probleme

Doch manche Probleme führen noch zu ganz anderen Überlegungen. Karin versucht seit Jahren schwanger zu werden. Nach einer entsprechenden Behandlung hat es jetzt endlich geklappt. Dann kommt die Schockdiagnose: Es werden Zwillinge und eines der Kinder ist behindert. Alleine die Tatsache, statt einem plötzlich zwei Babys versorgen zu müssen, erscheint ihr wie eine unüberwindliche Hürde. Ihr Mann ist beruflich viel unterwegs. Wie soll sie sich da auch noch um ein behindertes Kind kümmern? Eine Abtreibung wäre zwar möglich, birgt aber auch ein Risiko für das gesunde Baby. „Die Entscheidung, die diese Frauen treffen müssen, überfordert eigentlich jeden“, führt Reinhild Zenker aus. „Sie müssen danach schließlich auch mit den Konsequenzen leben.“ Für viele ist es deshalb auch wichtig zu hören, wie es anderen Paaren ergeht und wie diese mit ihrer Entscheidung zurechtkommen.

Reinhild Zenker, Schwangerschaftsberatung im Bereich Pränataldiagnostik

Reinhild Zenker Schwangerschaftsberatung im Bereich Pränataldiagnostik
(Foto: Alexandra Hauser)

Beraten bedeutet auch Begleiten

Die Tür des ebz bleibt auch über die Geburt eines behinderten Kindes oder eines Schwangerschaftsabbruchs hinaus offen. „Die einen oder anderen kommen wieder und sagen: Ich bin immer noch traurig, wenn ich daran denke“, erklärt Reinhild Zenker. „Oft gibt es auch Situationen im Alltag, bei denen Erinnerungen hochkommen und alte Wunden aufreißen.“ Im Regelfall berät sie Eltern bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. Doch auch wenn sich Frauen oder Männer erst nach vielen Jahren wieder melden, weil sie Hilfe brauchen, sind Reinhild Zenker und die anderen Teammitglieder der Schwangerschaftsberatung aber auch die Kolleg*innen aus der Ehe,-Familien- und Lebensberatung des ebz für sie da. „Immerhin haben sie es geschafft, hier anzurufen. Und das ist schon einmal super“, sagt sie. Vertrauen und das Gefühl, einen neutralen Ort gefunden zu haben, an dem sie nicht verurteilt werden, ist für Frauen und Paare in einer solchen Situation schließlich die Basis jeder Beratung.

Zurück ins Leben finden

Letztendlich sind es die vielen positiven Erfahrungen und die Gewissheit, den Menschen zu helfen, die Reinhild Zenker an ihrem Job so sehr mag. „Manche Paare, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, tauchen nach Jahren wieder bei mir auf. Wenn sie dann erzählen, dass sie jetzt ein Kind haben und dass es ihnen gut geht, dann freut es mich natürlich, das zu hören.“ Der Trauerprozess dauert oft sehr lange. Zu sehen, wie diese Menschen gestärkt daraus hervorgehen und wieder ins Leben zurückkehren, ist für die Beraterin der schönste Beweis dafür, wie sinnvoll und wichtig ihre Arbeit ist.