Elterliche Sorge – Qual der Jugendlichen

ebz-Familienrechtlerin Ulrike Buchner über das Zusammenleben von Jugendlichen und Eltern

Wenn aus Kindern Jugendliche werden, geht in vielen Familien der Ärger los. Welche rechtlichen Grundlagen gibt es zu beachten?
Die Art und Weise, wie Eltern und Jugendliche ihr Zusammenleben gestalten, ist gesetzlich nicht geregelt. Das muss von den Familien selbst entwickelt werden. Es gibt nur eine ganz klare Regel: Bis die Kinder 18 Jahre alt sind, sind sie minderjährig und die Eltern tragen die elterliche Sorge. Das bedeutet, sie sind verantwortlich für die Ausbildung, für die finanzielle Unterstützung, Gesundheitsvorsorge und so weiter. Ab Volljährigkeit können die Kinder dann das meiste alleine entscheiden.

Bis wann sind Eltern finanziell in der Pflicht?
Finanziell sind Eltern in der Pflicht bis die erste Berufsausbildung abgeschlossen ist und das Kind sich selbst versorgen kann. Spätestens ab Volljährigkeit müssen sich beide Eltern am Barunterhalt für das erwachsene Kind im Verhältnis ihrer Einkommen zueinander beteiligen. Gerade bei getrennten Eltern können dadurch Konflikte auftreten, denn sie müssen dann ihre Einkommen gegenüber dem Ex-Partner aufdecken, um festzustellen, wer mit welcher Quote zum Unterhalt des erwachsenen Kindes in Ausbildung beizutragen hat. Im schlimmsten Fall muss das erwachsene Kind gegen einen der Elternteile klagen.

Wenn die Situation mit einem Jugendlichen ausweglos erscheint – welche Möglichkeiten hat man als Eltern?
Man kann die elterliche Sorge nicht abgeben. Ein erster Schritt wäre, sich Hilfe bei einer Beratungsstelle zu suchen – im Idealfall gemeinsam mit dem Jugendlichen. Ein nächster Schritt wäre, sich ans Jugendamt zu wenden. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, dass der Jugendliche in einer betreuten Wohngruppe wohnen kann. Die gibt es für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Meistens rappelt es zwischen alleinerziehenden Müttern und ihren Söhnen. Wenn es zwischen Eltern und Kindern keinerlei Respekt mehr gibt und das Zusammenleben für alle Beteiligten zur Qual wird, ist meistens schon vorher etwas schiefgelaufen. Es wurde kein gegenseitiger Respekt durch Zuwendung und Liebe aufgebaut. Manchmal kann ein Auslandsaufenthalt helfen. Durch den räumlichen Abstand entspannt sich die familiäre Situation. Die Jugendlichen sind für eine Zeit raus aus der Familie und haben die Chance, sich in einem neuen Umfeld weiterzuentwickeln und fern vom Elternhaus erwachsen zu werden. Das sollte allerdings gemeinsam entschieden werden. Ein Auslandsaufenthalt ohne Einverständnis des Jugendlichen sähe sonst eher wie eine Bestrafung aus.

Wenn Jugendliche nicht mehr weiterwissen, kann das Jugendamt ein erster Ansprechpartner sein

Wenn Jugendliche nicht mehr weiterwissen, kann das Jugendamt ein erster Ansprechpartner sein

Welche Möglichkeiten haben denn Jugendliche, die die Situation zu Hause nicht mehr ertragen?
Diese können sich ebenfalls an Beratungsstellen wenden, oder auch an das Jugendamt. Dort bekommen sie Hilfe, um als junge Erwachsene Unterhaltsansprüche gegen die Eltern durchzusetzen. Ein Jugendlicher, der vor Eintritt seiner Volljährigkeit gegen den Willen seiner Eltern ausziehen will, muss wissen, dass die Eltern entscheiden, in welcher Form sie ihrer Unterhaltspflicht nachkommen wollen. Die Eltern entscheiden, ob sie ihm Barunterhalt oder Naturalunterhalt, wie zum Beispiel Unterkunft und Verpflegung in ihrem Haus, anbieten. Können die Eltern aus ihren Erwerbseinkünften den Unterhalt nicht in bar zahlen, wenn der Jugendliche ausziehen möchte, könnten sie beispielsweise sein Zimmer untervermieten. Den Erlös könnten sie dem Jugendlichen zusammen mit dem Kindergeld auszahlen. Doch ob sie das tun wollen, entscheiden die Eltern, nicht der Jugendliche. Wenn die Eltern bereit sind dies zu tun, dann kann der Jugendliche auch schon vor Erlangung der Volljährigkeit ausziehen und alleine wohnen – allerdings nur so lange, wie er sich nicht weiter auffällig benimmt und den Eltern keine Verletzung ihrer elterlichen Verantwortung vorgeworfen werden kann. Gesetzlich gibt es keine klare Altersgrenze, ab wann ein Jugendlicher alleine wohnen darf, aber zwischen 16 und 18 wäre eine Wohnlösung außerhalb des Elternhauses durchaus vorstellbar.

Was kann der Jugendliche tun, wenn die Eltern nicht damit einverstanden sind?
Wenn der Jugendliche die von den Eltern angebotene Unterhaltsleistung nicht akzeptieren will, kann er schlimmstenfalls mit Hilfe des Jugendamts oder des Gerichts versuchen, seine Vorstellungen zu verwirklichen. Ist die Situation im Elternhaus so belastend für den Jugendlichen, dass gesundheitliche oder psychische Schäden eintreten könnten, kann er auch gegen den Willen der Eltern Unterhalt einklagen und seinen Auszug bewirken.
Umgekehrt kann er seinen Anspruch auf Unterhalt teilweise oder ganz verlieren, wenn er seiner Verpflichtung eine Ausbildung anzufangen und zielstrebig durchzuführen, nicht nachkommt. Wenn ein Jugendlicher die Schule oder seine Ausbildung abbricht oder gar nicht erst anfängt, hat er eine Erwerbsobliegenheit. Dann sind die Eltern nur noch bedingt unterhaltspflichtig.
In solchen Übergangsphasen haben die Jugendlichen die Pflicht zu jobben, um ihren Grundbedarf selbst zu decken und die Eltern unterhaltsrechtlich zu entlasten.