„Zuhören und Anerkennung entlasten allein schon“

Gisela Appelt, Clara Geisler und Christine le Coutre, Mitarbeiterinnen der Ehe-, Familien-, und Lebensberatung sagen, wie sie bei Problemsituationen in der Familie oder Partnerschaft helfen können.

In welchen Fällen empfehlen Sie eine Familienberatung?

Streit gibt es in jeder Familie. Das ist normal und sogar notwendig. Wenn sich jedoch die Fronten verhärten, Familienmitglieder anhaltend ausgegrenzt werden oder sich so fühlen, keine gemeinsamen Gespräche mehr möglich sind, oder Konflikte eskalieren, dann ist eine Familienberatung sinnvoll. Der Berater hilft den Familienmitgliedern, mit mehr Abstand auf ihre Probleme zu schauen, sich gegenseitig zu verstehen und Lösungen zu finden. Auch Erwachsene mit ihren Eltern oder erwachsene Geschwister kommen zu uns, um langjährige Konflikte beizulegen.

Wann brauchen Alleinerziehende Ihre Unterstützung?

Alleinerziehende stehen oft unter finanziellem Druck, haben zu wenig Unterstützung, leiden häufig unter Einsamkeit und Stress – und das alles dauerhaft. Wir entlasten allein schon durchs Zuhören und unsere Anerkennung für ihre Leistung. Wir suchen gemeinsam im Gespräch nach Entlastungsmöglichkeiten und wir ermuntern auch die Alleinerziehenden dazu, öfter mal um Hilfe zu bitten. Viele haben das als Einzelkämpfer mit der Zeit verlernt.

Sind Beziehungen konfliktanfälliger, wenn die Partner aus verschiedenen Kulturkreisen kommen?

In jeder Partnerschaft treffen immer zwei Menschen und somit zwei Welten aufeinander. In binationalen Partnerschaften fällt nach dem ersten Gefühl der Verliebtheit oft das Fremde besonders ins Gewicht.
Verschiedene Ansichten über die Geschlechterrollen, die Arbeitsteilung in der Familie, die Religion, den Umgang mit Geld und die Kindererziehung können ein friedliches Zusammenleben beeinträchtigen. Wir empfehlen in solchen Fällen, den anderen in seiner Unterschiedlichkeit so gut wie möglich kennen zu lernen, damit ein besseres gegenseitiges Verstehen entsteht. Manchmal verbirgt sich jedoch hinter den scheinbar kulturellen Differenzen der ganz normale „Paarwahnsinn“.

Sie helfen bei der Ehe-, Paar- und Familienberatung auch wenn Gewalt eine Rolle spielt. Wie können Sie in solchen Fällen helfen?

Wir sind keine Fachstelle für Gewalt. Sollte Gewalterfahrung in der Beratung angesprochen werden, greifen wir das sofort auf und versuchen die Gewaltspirale zu unterbrechen. Die Sicherheit des Opfers steht dabei an erster Stelle. Das kann auch eine räumliche Trennung bedeuten. Wir unterstützen bei diesem Schritt und versuchen sowohl das Opfer, wie den Täter zu einer Therapie zu motivieren.

Müssen bei Gewalt in einer Beziehung dann immer beide Partner zur Beratung kommen?

Nein, viel häufiger ist es, dass eine Person alleine kommt. Wir erarbeiten dann mit dem Einzelnen, wo seine Möglichkeiten liegen, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, was die Frau oder den Mann in einer Beziehung mit Gewalt hält.

Können sich auch Partner mit sexuellen Schwierigkeiten an Sie wenden?

Selbstverständlich. Sexualität ist häufig ein zentrales Thema in der Paarberatung, mit dem wir sensibel und achtsam umgehen. Oft ist es erleichternd und förderlich für die Partnerschaft, wenn dieses eher schambesetzte Thema besprechbar wird.

Beraten Sie auch homosexuelle Paare?

Selbstverständlich! Unser Angebot ist für alle offen.

Haben Paare nach einem Seitensprung überhaupt noch eine Chance? Beraten Sie als Evangelisches Beratungszentrum auch in diesen Fällen?

Untreue ist tatsächlich ein häufiger oft verdeckter Anmeldegrund bei uns. Verletzungen, Kränkungen, Misstrauen und Schuldgefühle sind natürlich oft zunächst im Vordergrund. Wir verurteilen Untreue nicht moralisch, sondern verfolgen das Ziel, dass das Paar die Hinter- und Beweggründe besser versteht. Wenn das gelingt, wird die Beziehung in der Regel authentischer und damit tiefer. Grundsätzlich begreifen wir Außenbeziehungen als Entwicklungschance für das Paar, wie andere Krisen auch.