Sich selbst wahrnehmen, um anderen zu helfen

Ein Interview mit Sozialpädagogin und Supervisorin Bettina Irschl

Bettina Irschl ist seit 25 Jahren bei der TelefonSeelsorge im ebz tätig. Dort ist sie für die Ausbildung der Ehrenamtlichen zuständig. Im Gespräch erklärt die Sozialpädagogin, wie Interessenten auf den Dienst am Telefon vorbereitet werden und welche Voraussetzungen sie mitbringen sollten.

Was sind die Gründe, sich als ehrenamtlich Mitarbeitende ausbilden zu lassen?

Das ist unterschiedlich. Zum einen gibt es Menschen, die in ihren Berufen wenig Kontakt zu anderen haben. Daher sehnen sie sich danach, zusätzlich zu ihrem Beruf einem bürgerschaftlichen Engagement nachzugehen. Andere, überwiegend junge Leute möchten sich neben ihrem Beruf weiterqualifizieren. Die Ausbildung bei uns bringt den Vorteil, dass sie nichts kostet, außer viel Zeit, Engagement und Energie. Eine weitere Gruppe von überwiegend älteren Menschen, die sich auf den Ruhestand vorbereitet, möchte eine neue Aufgabe in ihr Leben integrieren, indem sie sich ehrenamtlich engagiert.

Welche Eigenschaften sollten Interessenten mitbringen?

Die Telefongespräche sind nicht immer einfach. Es gibt auch schwierige Gesprächssituationen, die eine hohe Belastbarkeit der Mitarbeiter erfordern. Zeitweise kommen die Anrufe schnell hintereinander. Bei circa 70 bis 80 Anrufen pro Tag treffen wir auf verschiedenste Persönlichkeiten und Problematiken. Das benötigt ein hohes Maß an Flexibilität. Wichtig ist auch Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, fremde Denkweisen, fremde Probleme, fremde Welten verstehen zu können. Offenheit zum Beispiel gegenüber religiösen Themen ist uns ebenfalls wichtig. Wir sind zwar eine evangelische TelefonSeelsorge, getragen von der Evangelischen Kirche, achten aber darauf, Glaubens- und Lebensentwürfe von Menschen anderer Religionen zu achten.

Was beinhaltet die Ausbildung genau?

Der Dienst am Telefon erfordert eine gute Selbstwahrnehmung, das heißt das Lernen an der eigenen Person. Ich muss mich, wenn ich am Telefon sitze, ziemlich genau kennen: meine Schwachpunkte, meine empfindlichen Stellen, meine Stärken, meine Vorlieben. Zudem üben wir Kommunikations- und Gesprächsführung ein. Unsere thematischen Schwerpunkte sind zum Beispiel Einsamkeit, Beziehung, Sexualität, Gewalt, Suizid, Trauma, Arbeit, psychische und physische Erkrankungen sowie Sucht.

Wird das nicht manchen Leuten zuviel? Was raten Sie ihnen dann?

Es gibt Menschen, die schon in der Ausbildung merken, dass die Arbeit als Ehrenamtliche nichts für sie ist. Andere arbeiten zwei Jahre und hören dann auf, da die Ausbildung als Gegenleistung eine zweijährige Mitarbeit erfordert. In solchen Fällen sagen wir nichts. Wenn wir merken, dass Mitarbeiter sich ausgebrannt fühlen, versuchen wir, rechtzeitig Gespräche zu führen und sie zu begleiten. Meist reicht eine halbjährige Pause, um neue Energie und Motivation zu sammeln und weiterzumachen.

Gibt es bei der TelefonSeelsorge mehr Frauen oder mehr Männer?

Auf beiden Seiten eindeutig mehr Frauen, sowohl bei den Anrufenden als auch bei den Mitarbeitenden. Das liegt an den unterschiedlichen Lebensentwürfen. Männer sind karriereorientierter und müssen finanzielle Verantwortung für Familie übernehmen. Wir haben nur wenige männliche Mitarbeiter, manche sind früher aus dem Beruf ausgeschieden und haben als Ehrenamtliche bei der TelefonSeelsorge einen passenden Anschluss gefunden. Frauen hingegen sind meist von klein auf dazu erzogen, sozial zu denken und sich sozial zu engagieren. Sie tun sich leichter ein Problem anzusprechen als die meisten Männer.

Haben die Anrufe im Vergleich zu früher eher zugenommen oder abgenommen?

In den letzten Jahren ist bundesweit eine stetige Zunahme zu verzeichnen. In München aber sind die Zahlen derzeit leicht rückläufig. Ein Grund dafür ist das veränderte Gesprächsverhalten infolge der zunehmenden Mobilkommunikation. Es gibt nach wie vor Festnetzgespräche, die lang und intensiv sind. Gespräche mit dem Handy hingegen sind schnell, kurzlebig und spontan.

Bekommen Sie positive Rückmeldung von Menschen, denen Sie mit der TelefonSeelsorge helfen konnten?

Ja, aber selten. Bei der Telefonseelsorge ist nicht die Fortführung das Ausschlaggebende, sondern der Moment. Im Detail heißt das, dass wir im Gespräch mit dem Anrufenden Schritte erarbeiten, die in seinem Problem ein Stück Lösung ermöglichen sollen. Ob dieser Mensch die Schritte auch geht, erfahren wir jedoch nicht.

Ein Interview von Hayal Düz