Interview mit Ursula Stolberg-Neumann

Die Diplom-Psychologin und Familientherapeutin Ursula Stolberg-Neumann berichtet über die Herausforderungen vor und während einer Beratung. Sie erklärt, wie ein Beratungsgespräch in der Regel abläuft und warum es manchmal leichter fällt, über Probleme mit einer außenstehenden Person zu reden.

Sie bieten Beratungen für Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte an. Welche dieser drei Gruppen kommt am häufigsten zu Ihnen?
Am häufigsten wenden sich Eltern von Kindern und  Jugendlichen zwischen neun und sechzehn Jahren an uns. Aber auch Eltern jüngerer Kinder haben viele Fragen und Unsicherheiten, beispielsweise im Zusammenhang mit der Einschulung oder während der ersten Schuljahre. Manche Jugendliche und junge Erwachsene in Schule oder Ausbildung nehmen selbst Kontakt mit uns auf. Immer wieder rufen junge Lehrkräfte oder andere Mitarbeitende aus dem schulischen Umfeld an, die sich sehr belastet fühlen und externe Unterstützung suchen.

Kinder und Jugendliche können sich auch ohne das Wissen ihrer Eltern beraten lassen. Wie sehr erhöht das die Bereitschaft, sich überhaupt mit einem Problem an eine Beratungsstelle zu wenden?
Ganz erheblich. Manchmal treiben Kinder und Jugendliche Themen um, die sie nicht mit ihren Eltern besprechen wollen oder können. Dinge, die die Eltern nicht erfahren oder belasten sollen. Ein Teil der Problematik kann auch gerade darin bestehen nicht zu wissen, wie es den Eltern zu sagen ist. Häufig fällt es viel leichter, Schwierigkeiten anzusprechen, wenn keiner dabei ist, der das Gesagte persönlich nehmen und entsprechend reagieren könnte. Und schließlich sind Jugendliche oft auf der Suche nach Antworten, die sie unabhängig von ihren Eltern herausfinden wollen.

Sprechen die Schüler*innen direkt ihre Probleme an oder muss oft nachgehakt werden?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt natürlich nicht zuletzt davon ab, ob Kinder oder Jugendliche selbst (mit)entscheiden konnten, zu uns zu kommen. Wenn Kinder und Jugendliche zum ersten Mal mit uns sprechen, haben sie bereits erfahren, dass sie sich offen äußern dürfen und welche Reaktionen das zur Folge haben kann. Einige können schnell Vertrauen fassen und offen ansprechen, was sie bewegt oder belastet. Andere tun sich sehr schwer damit. Wir können warten – versuchen aber auch Mut zu machen.

Wie kann man sich ein erstes Beratungsgespräch bei Ihnen vorstellen?
In der Regel vereinbart unsere Sekretärin den ersten Termin und klärt, wer daran teilnehmen wird; manchmal wollen Eltern oder Jugendliche (erst einmal) alleine kommen. Im Erstgespräch stellen wir zunächst uns und das Angebot der Beratungsstelle vor und weisen auf unsere Schweigepflicht hin. Dann gehen wir darauf ein, was die Ratsuchenden hergeführt hat und mit welchen Erwartungen und Hoffnungen sie da sind. Abschließend geben wir erste Hinweise und überlegen gemeinsam die nächsten Schritte.

Wie lassen sich die wahren Hintergründe für schulische Schwierigkeiten erkennen?
Es ist sehr hilfreich, Eindrücke und Signale von Beginn an ernst zu nehmen. Dann aber darf man nicht am vermeintlich Naheliegenden hängen bleiben. Wenn ich beim Fotografieren eine gute Tiefenschärfe erreichen will, darf ich nicht auf das Vordergründige fokussieren, sondern muss das Ganze in den Blick nehmen. Das gilt auch in der Beratung, zumal je nach Position im familiären oder schulischen System unterschiedliche Perspektiven und Einflüsse ganz vielfältiger Art zu berücksichtigen sind.

In welchen Fällen holen Sie die Eltern in die Beratung hinzu?
Eltern haben eine große Aufgabe und Verantwortung und sind aus systemischer Sicht immer dabei, auch wenn sie nicht selbst beim Beratungsgespräch anwesend sind. Manche Probleme müssen gemeinsam mit den Eltern besprochen werden. Viele Kinder und Jugendliche wünschen sich das auch oder sind nach kurzer Zeit dazu bereit. Andere brauchen aber erst einmal Sicherheit, ernst genommen und wirklich gehört zu werden, bevor sie sich vorstellen können mit den Eltern über ihre Nöte zu sprechen und gemeinsam an Veränderungen zu arbeiten.

Was ist anders, wenn Mütter oder Väter zusammen mit ihrem Kind ins Beratungsgespräch kommen?
Das hängt sehr davon ab, wie sich Eltern und Kinder zu dem Zeitpunkt verstehen, ob und wie schon zuhause über die aktuellen Probleme gesprochen wurde und wer vor allem den Wunsch nach Veränderung hat. Wenn mehrere Familienmitglieder kommen, sollte jede und jeder seine Sichtweise zum Ausdruck bringen können und Gehör finden – und das Gespräch nicht in gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen enden. Das erfordert von allen eine grundsätzliche Bereitschaft, hohe Aufmerksamkeit und nicht selten auch viel Geduld.

Worauf achten Sie im Erstgespräch besonders, wenn Eltern den Schritt in die Beratung wagen, weil der Schulstress das Familienleben belastet?
Der Schritt in die Beratungsstelle fällt oft nicht leicht, unabhängig davon, warum Hilfe gesucht wird. Eine offene, herzliche und entspannte Atmosphäre ist nicht nur für Familien hilfreich, die unter Schulstress leiden – und Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Wichtig ist immer der Blick über den Tellerrand hinaus: Was ist der Familie besonders wichtig und was gelingt trotz der genannten Schwierigkeiten? Wo liegen Stärken Einzelner, aber auch der Familie, die vielleicht ungeahnte Zugänge und kreative Lösungen eröffnen können?

Nicht nur für Kinder ist der Leistungsdruck in der Schule belastend. Wie unterstützen Sie Eltern, die ihre Kinder bei der alltäglichen Schularbeit nicht mehr unterstützen können?
Zunächst ist wichtig zu klären, warum die bisherigen Maßnahmen sinnvoll und notwendig schienen und wie sie Beziehungen beeinflusst haben. Kinder und Jugendliche können ebenso an ihre Grenzen kommen wie ihre Eltern. In der Beratung suchen wir gemeinsam nach Wegen, wie Eltern ihren Sohn oder ihre Tochter unterstützen können, wo sie aber auch Verantwortung abgeben können oder sollten. Bei Bedarf arbeiten wir auch direkt mit den Kindern und Jugendlichen , so beispielsweise an Prüfungsängsten oder geeigneteren Lernstrategien.

In vielen Familien gibt es kein anderes Thema mehr als Schule. Doch wie können Eltern ihren Kindern trotz des Leistungsdrucks in der Schule zeigen, dass es neben dem Lernen noch ein Leben außerhalb der Klassenzimmer gibt?
Besonders wichtig ist das Vorbild der Eltern. Wenn Eltern sich auch für die Familie Zeit nehmen und vorleben, dass Schule und Beruf nicht das Einzige sind, wofür es sich zu leben lohnt, werden sie auch eher hören und spüren, was ihre Kinder brauchen und achtsam darauf reagieren. Dann fällt es leichter außerschulische Stärken und Interessen der Kinder wahrzunehmen und zu unterstützen statt sogar etwas zu verbieten oder einzuschränken, nur weil es für das schulische Fortkommen auf den ersten Blick nicht wichtig erscheint.

Um dem Burnout vorzubeugen, bekommen Erwachsene oft den Rat, sich einen Ausgleich zum Beruf zu suchen. Kinder haben heutzutage immer weniger Zeit neben Ganztagsschule und Hausaufgaben ihren Hobbies und Leidenschaften nachzugehen. Mutet das Schulsystem den Kindern mehr zu als das Berufsleben den Erwachsenen?
Das kann man so nicht verallgemeinern. Aber vielen Schüler*innen wird mit Unterricht, Hausaufgaben und Lernzeiten ein Arbeitstag von zehn und mehr Stunden zugemutet. Wenn es sich dann vor allem um Kopfarbeit handelt – nicht unterbrochen durch körperliche Bewegung oder musische Interessen – müssen wir uns über zunehmende Belastungsbeschwerden nicht wundern. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche, im Gegensatz zu Erwachsenen, auch viel Zeit und Energie für ihre Entwicklungsaufgaben brauchen.

Wie kann man bei Eltern und Lehrkräften das Bewusstsein schärfen, dass gerade solche Ausgleichsangebote für die Entwicklung der Kinder enorm wichtig sind?
Wir versuchen deutlich zu machen, dass viele Stärken und Fähigkeiten, die für die weitere Persönlichkeitsentwicklung eine große Rolle spielen, im Schulalltag zu kurz kommen. Außerschulische Angebote können nicht nur für körperlichen Ausgleich und Spannungsabbau sorgen, sondern auch und vor allem emotional stabilisieren und zur persönlichen Reifung entscheidend beitragen. Gerade wenn es in der Schule Probleme gibt, ist es beispielsweise besonders wichtig zu erleben, in anderen Bereichen erfolgreich und anerkannt zu sein.

Worin liegt der Vorteil, sich in einer Beratung einem fremden Menschen zu öffnen – was für Vorteile bringt so ein Gespräch im Vergleich zum Eltern-Kind-Gespräch?
Gespräche zwischen Eltern und Kindern oder Jugendlichen verlaufen nicht zuletzt in Krisen häufig sehr einseitig und wiederholen sich dann oft in altbekannten Schleifen, die sich sehr negativ auf die Beziehungen untereinander auswirken können. Ein Außenstehender kann diesen Teufelskreis viel eher durchbrechen und dazu beitragen das Geschehen aus einem neuen Blickwinkel zu sehen oder anders als bisher darüber zu sprechen. Das öffnet den Weg für Veränderungen und erleichtert es gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

In der Beratung haben Sie es mit Lehrkräften aller Schulformen zu tun. Worin unterscheiden sich die  Problemstellungen?
Je nach Schulart und Schulform haben Lehrkräfte sehr unterschiedliche Voraussetzungen, was sie bei ihren Schüler*innen im Einzelnen beobachten und wie persönlich sie ihnen begegnen können. Eine Klassenleitung, die mit ihren Schüler*innen täglich im Kontakt ist, kann erste Veränderungen in der Klasse und beim Einzelnen viel früher wahrnehmen als jemand, der in vielen Klassen sehr viele Heranwachsende unterrichtet. Junge Lehrkräfte wenden sich manchmal auch an uns, weil sie keine therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, um die Verbeamtung nicht zu gefährden.

An immer mehr Schulen wird durch Zusatzangebote, Coachings der Lehrkräfte oder alternative Schulformen versucht, das als behäbig geltende Bildungssystem an die modernen Anforderungen anzupassen. Worauf legen Sie bei Ihren Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte besonderen Wert?
Lehrkräfte haben einen sehr verantwortungsvollen, kräftezehrenden Beruf und sind zunehmend mit Erwartungen konfrontiert, die weit über das eigentliche Unterrichten hinausgehen. Besonders engagierte und nicht zuletzt junge Lehrkräfte fühlen sich häufig sehr belastet, vor allem, wenn ihnen eine „schwierige Klasse“ anvertraut wird. Bei Fortbildungen legen wir großen Wert auf praktisches Üben, aber auch auf persönliche Stärken und Ressourcen. Neben der grundlegenden Haltung ist es immer wieder wichtig sich zu begrenzen und auf das eigene Aufgabengebiet zu konzentrieren.